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Dahoam im Passauer Land

 

Edel, faszinierend und anmutig

Die Königin der Bronze(n)

Edel Maria Göpfert ist eine Institution im Passauer Land. Ihre Werke begegnen einem an etlichen Orten. Ob in Innenstädten, auf Marktplätzen, entlang von Wanderwegen, in Kirchen oder an Schulen. Die erfolgreiche Bildhauerin hat zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und sich über 35 Jahre einen großen Namen in der Kunstszene gemacht. Wir haben sie auf ihrem Anwesen in Witzling besucht. Hier lebt und arbeitet sie auf einem liebevoll renovierten Gehöft mit wunderbarem Blick auf die Donau. Ihre Verbundenheit zur Natur spiegelt sich auch in ihren Werken wider.

„Die Geburt einer Bronze ist ein langwieriger Prozess“, sagt Edel Maria Göpfert und rührt das schwarze Wachs im Topf behutsam um. Wir sind in der Künstlerwerkstatt der Bildhauerin. In sämtlichen Ecken des Ateliers zeigen sich Wachspositive oder Bronzefiguren. Immer im Mittelpunkt: Natur, Mensch und Tier. Sie spiegeln die Ehrfurcht vor der Schöpfung in all ihren Facetten wider. Die Vilshofener Bildhauerin arbeitet figürlich, aber etwas überzeichnet. Sie selbst würde ihren Stil zwischen Alberto Giacometti und Auguste Rodin einordnen. „Also wenn schon Namen, dann große“, lacht sie humorvoll und fügt an: „Ich arbeite nicht so reduziert wie Giacometti und nicht so figürlich wie Rodin. Eher überzeichne ich ein bisschen in die Länge gestreckt“. Momentan werkelt Edel Maria Göpfert an einem Wachspositiv für einen großen tanzenden Schwan. Wachs ist ihr liebstes Formmaterial. Dafür bricht sie schwarze Wachsplatten in Stücke und schmilzt sie auf einer Herdplatte. Die Platten bestehen aus einem speziellen Gemisch aus Kolophonium, Bienenwachs und Stearin. Schwarz sind sie wegen des Kontrasts. So sieht man auch die Tiefen wunderbar. Der Schwan hat einen Untergrund aus Styropor, auf das die Künstlerin die Wachsschichten aufträgt. Ein großer Flügel ist bereits fertig. Nun widmet sie sich dem Körper des eleganten Tieres. Neben ihr steht das kleine Bronzemodell des Schwans. Sie entwirft lieber Modelle, anstatt zu zeichnen. Meist baut sie ihre großen Figuren wie die Gaia – Mutter Erde – für das Wasserwerk in Moos aus Wachsplatten auf, die sie mittels Heißluftföhn, Bunsenbrenner oder Warmwasser erwärmt und formt. Beim Schwan ist es anders. Hier trägt sie mit einem dicken Pinsel Flüssigwachs auf, um all seine Dimensionen zeigen zu können. Mal streicht sie hier, mal dort. Mal schnell, mal behutsam. „Wachs hat viele Vorteile. Ich kann es nach Belieben auftragen, wieder wegnehmen und nochmal korrigieren“, sagt die Bildhauerin. Viele ihrer Kollegen erarbeiten die Formen für ihre Werke erst in Ton, Gips oder Holz, bevor sie von den Gießereien Silikonformen für die Wachspositive herstellen lassen. Bei Edel Maria Göpfert entfällt dieser Schritt, sie hat bis zum Guss alles selbst in der Hand.

Edel Maria Göpfert

Sicher ist sicher

Dem Schwan fehlen noch Hals, Kopf und Füße. „Er ist eine Auftragsarbeit, ich muss zusehen, dass ich ihn in die Gießerei bekomme“, sagt die Künstlerin. Für die Entstehung der weiteren Körperteile kommt der Schwan auf ein Gestell aus Holz und Eisen und wird dort fixiert. Denn was runterfällt, zerspringt – ähnlich wie Glas. Davor hat die Künstlerin auch nach über 35 Jahren noch Angst. Bei großen Figuren kann der Aufbau viele Monate verschlingen, da wären unzählige Arbeitsstunden umsonst. Ist die Wachsform fertig, sichert sie die Künstlerin oft noch durch einen provisorischen Silikonabdruck, schließlich können auch beim Gießen Fehler entstehen. Die Künstlerin streicht den Pinsel am Topf ab und überlegt: „Ich weiß noch nicht, ob ich die Oberfläche des Schwans glätte. So unruhig wäre er schon auch schön, weil dann später die Patina herrlich wirkt. Vielleicht mache ich auch nur ein paar Stellen glatt“. Doch es entstehen nicht nur große Skulpturen und Objekte in ihrer Werkstatt. Auch kleine Ginkgo-Blätter, Gekos oder menschliche Figuren fertigt sie zunächst aus Wachs. Etwa einen schlanken Mann, dessen Rippen sie gerade herausarbeitet. Mit einem Bunsenbrenner erwärmt sie die Skulptur und arbeitet mit einem Messer filigrane Konturen heraus. Diese Figuren können im Ganzen gegossen werden. Der große Schwan muss dafür zerlegt werden. „Man kann nur maximal einen Meter große Objekte gießen, damit die Bronze überallhin auslaufen kann, ohne vorher zu erkalten. Innen müssen die Figuren hohl sein. Die Wachsschicht darf höchstens sechs bis acht Millimeter betragen“, weiß die Bildhauerin. Wenn der Schwan fertig ist, warten andere Aufträge wie das Portal für die Eginger Pfarrkirche. Ein besonderes Projekt für die Künstlerin. 

In der Gießerei

Mit ihren beiden Gießereien arbeitet sie bereits seit über drei Jahrzehnten zusammen. Bis die Bronze gegossen wird, sind noch einige Arbeitsschritte nötig. Zunächst müssen Guss-, Luft- und Gaskanäle gesetzt werden. Wie das aussieht, zeigt uns die Künstlerin anhand einer kleinen wohlproportionierten Madame. Anschließend wird das Wachsmodell in ein Gemisch aus Gips und Schamott eingebettet. So entsteht ein Block. Danach wird das Wachs im Brennofen bei 600 Grad ausgeschmolzen. Dieser Vorgang, bei dem das Wachs gänzlich verdampft, kann je nach Größe des Objektes sogar mehrere Tage dauern. Erst dann kann die 1.200 Grad heiße Bronze in den Hohlraum der gebrannten Schamottmasse eingegossen werden. „Das fasziniert mich immer wieder. Es ist ein archaisches Erlebnis, wenn die glühende Bronze wie ein Lichtstrahl in die Form fließt. Genauso wie bereits vor 4.000 Jahren“, sagt die Künstlerin. Ist das Werkstück zu groß, fließt die Bronze zu langsam in den Schamott, dann können Fehlgüsse entstehen. Daher muss die Edel Maria Göpfert ihre Werke an die Gegebenheiten beim Gießen anpassen. Kunst ist nicht nur Kunst, sie hat auch viel mit Technik und Handwerk zu tun. „Die Spannung bleibt bis zum Auslösen des fertigen Gusses. Jede Entstehung einer Bronze ist wie eine Geburt“, strahlt sie.

Der Schamott kann erst nach vollständigem Erkalten mit Hammer und Meißel ausgeklopft werden. Danach wird die Bronze per Hochdruckreiniger gesäubert. Übrig bleiben die Figur und ihre Stege. Alles, was vorher Wachs war, ist nun Bronze. Auch die Kanäle. Diese werden fachgerecht ziseliert, also entfernt. Dafür benötigt man eine gute Gießerei. Wird ungenau gearbeitet, leidet die Qualität der Bronze. Kleinere Figuren ziseliert Edel Maria Göpfert selbst. Nach diesem Arbeitsschritt folgt das Auftragen der Patina. Dadurch oxidiert die Bronze und erhält ein markanteres Aussehen. So können verschiedene reizvolle Farben und Effekte erzeugt werden. Natürlich freut es sie, wenn es Käufer für ihre Kunst gibt, aber die Werke wachsen ihr jedes Mal sehr ans Herz. Manche sind gar nicht so leicht abzugeben. Wie der kleine Poet etwa. Mit ihm hatte sie eine besondere Verbindung, wie Edel Maria Göpfert erzählt – aber er ist wenigstens in Vilshofen geblieben, freut sie sich.

Zwischen Ruhe und (künstlerischer) Freiheit

Sie lebt und arbeitet nun schon seit etlichen Jahren in Witzling, einem kleinen Weiler kurz vor Vilshofen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Dedo hat sie hier ein altes bäuerliches Anwesen liebevoll renoviert und modern gestaltet. Rundherum wachsen Obstbäume. Mit im Haus leben zwei Greyhounds – gerettete Rennhunde. Eine Hunderasse, die es der Künstlerin besonders angetan hat. In der einstigen Remise hat sie ihr Atelier eingerichtet. Ihr Mann betreibt in Vilshofen ein Yogastudio. Was für ihn Yoga ist, ist für sie die Arbeit in ihrer Werkstatt. „Das ist wie Meditation für mich. Hier fühle ich mich wohl, in meiner ganz eigenen Welt. Fernab von schlechten Nachrichten“, wird die Künstlerin nachdenklich. Sie ist im Bayerischen Wald geboren und in Vilshofen aufgewachsen. Ihr Vater hatte einen Gasthof in der Donaustadt. Nach der Schule jobbte sie in einer Münchner Rechtsanwaltskanzlei, um Geld zu verdienen, damit sie mit Dedo auf Weltreisen gehen konnte. Auf Kreta hat sie viel mit Ton gearbeitet, die antiken Werke regelrecht „aufgesogen“ und sich inspirieren lassen. So ist sie auch zur Kunst gekommen. „Ich wusste schon immer, dass ich mal was mit den Händen erschaffen muss. Mein Rüstzeug habe ich mir durch Ausbildungen in Bronzeguss und als Schweißerin angeeignet“, sagt sie. Ihre Jugend in der Hippie-Zeit möchte sie nicht mehr missen.

Freiheit war der Künstlerin schon immer wichtig – egal ob in ihrem Leben oder in der Kunst. Diese Freiheit spiegelt sich auch in ihren Werken wider. Doch zur Freiheit der Künstlerin gehört auch Disziplin, insbesondere Selbstdisziplin, jeden Tag in die Werkstatt zu gehen und zu arbeiten. Und die hat Edel Maria Göpfert, wenn man sich die Anzahl ihrer Werke ansieht. Darin stecken viele Stunden harter Arbeit, die nicht selten auch an die körperliche Substanz geht. Wie häufig in der Kunst üblich, können die Stunden monetär kaum aufgewogen werden. Sie hat sich etabliert, kann gut leben von ihren Werken. Dabei muss sie auch Zeit und Kosten im Blick haben. „Ich habe neben dem Gießer oft auch den Steinhauer oder Glaser zu bezahlen. Hinzu kommen der Transport und das Aufstellen. Wenn ich mich verkalkuliere oder die Preise massiv steigen, dann schwindet mein Lohn“, erzählt sie. All das gehört ebenso zum Beruf der freischaffenden Künstlerin, wie im Atelier kreativ zu sein.

Tipp

Werke im Passauer Land

Buch der Weisheit, vor der Stadtpfarrkirche Vilshofen

Sonnenuhr Pilgerweg, Via Nova Vilshofen

Waldwasserbrunnen in vielen Schulen und öffentlichen Orten

Josef-Groll-Büste, vor dem Rathaus Vilshofen

Relief am Geburtshaus von Heinrich Lautensack, Vilshofen

Begegnung, zwei drei Meter hohe Bronze-Skulpturen am Stadtplatz Vilshofen

Wächter des Lichts, mehrteiliger Brunnen am Klinikum Passau

Spuren, Brunnen am Seniorenheim Ortenburg

Dialog Mensch Fisch – der Sinnende, Brunnen in der Fußgängerzone Passau

Marien-Dankesbrunnen, Wallfahrtsort Sammarei

Dorfbrunnen Bayerbach

Quellsäulen in Hutthurm

Freunde Brunnen, an der MS Fürstenzell

Altar, Pfarrkirche Beutelsbach

Gestaltung Dorfplatz Beutelsbach mit Schwan und großem Stuhl

Königin der Bronze

Die Bildhauerin hat etliche Wettbewerbe gewonnen. Darunter einige im Rahmen von „Kunst am Bau“ oder „Kunst im öffentlichen Raum“. Aber auch wenn es um die Ausstattung sakraler Gebäude ging, setzte sie sich vermehrt durch. Sogar europaweit konnte sie sich Aufträge sichern. So steht die „Windbraut“, eine drei Meter hohe Ballerina, in Luxemburg und dreht sich dort im Wind. Das längste Engagement brachte ihr ein gewonnener Wettbewerb 1992 ein. Seither gestaltet die Bildhauerin die Figur für die jährliche Kulturpreisverleihung des Landkreises Passau. Sie nennt sie „die Tanzende“. Jede Figur ist ein Unikat aus Künstlerhand. Selbstverständlich wurde ihr diese Ehre auch schon zuteil. Edel Maria Göpfert ist Kulturpreisträgerin des Landkreises und auch Trägerin des Kulturpreises Ostbayern.

„Die Bronze ist die Königin der Bildhauerei“, sagt sie und nimmt den Kulturpreis zur Hand. Bronze ist fast unvergänglich. Es haben sich sogar 5.000 Jahre alte Bronzen sehr gut erhalten. Edel Maria Göpfert schafft also auch etwas für die Nachwelt. Dabei gelingt es ihr wie kaum einer anderen Bildhauerin, den Bürgern zeitgenössische Kunst nahezubringen. Das ist ihr auch wichtig, ihre Werke sollen von den Menschen angenommen werden. Sie freut sich, wenn sie in Passau durch die Fußgängerzone spaziert und am Granitsockel ihrer Bronzefigur – dem sinnenden Mann – Menschen sitzen, ihr Eis essen und Kinder am Brunnen spielen. Oder wenn sich die Schüler an den Waldwasser-Brunnen frisches Trinkwasser holen. Ihre Markenzeichen sind neben den Konstruktionen aus Bronze und Granit ein keltisches Labyrinth oder ein Geko. „Der Geko existiert seit über 100.000 Jahren und hat sich immer an die Evolution angepasst. So muss auch ein Künstler mit der Zeit mitwachsen“, spekuliert sie. Für die Kooperation von Waldwasser und regionalen Schulen hat die Bildhauerin bereits 111 Brunnen gefertigt. Einer der letzten war der Trinkbrunnen für die neue Berufsschule in Vilshofen. Jeder ist ein Einzelstück. „Die Ideen für die Brunnen versiegen nie, wie das Wasser“, lacht sie. Zu ihren Werken aus Bronze gesellen sich häufig Granit und Glas. „Ich mag Stein als moderne Zutat, als Konstruktiv“, sagt sie. Wie etwa bei der Installation „Die Wächter des Lichts“ vorm Klinikum Passau oder beim „Freu(n)de“-Brunnen an der Mittelschule Fürstenzell. Aufgestellt werden die Objekte meist mit Hilfe von Kränen und vielen Helfern. Auch beim letzten Schritt ist Edel Maria Göpfert anwesend. Sie organisiert sowohl den Transport als auch das Aufstellen. Erst wenn es steht, ist ihr Kunstwerk vollendet. Genauso wird es mit dem Schwan sein. Er wird Anfang 2024 in Passau am Sitz der Unternehmensgruppe Pfaffinger aufgestellt.

Edel Maria Göpfert im BR

Im vergangenen Jahr wurde Edel Maria Göpfert mit ihren Waldwasserbrunnen im Bayerischen Rundfunk porträtiert. Die Folge der Serie „Schwaben und Altbayern“ ist noch in der BR-Mediathek abrufbar.

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