Mit der Zeit gewachsen
Gelebte Wirtshauskultur
im Aldersbacher Bräustüberl


Im Herzen von Aldersbach ist alles am richtigen Fleck: Darunter auch das Bräustüberl und die Ausstellung „Wirtshaussterben? Wirtshausleben!“ Somit lassen sich Theorie und Praxis bestens vereinen – nur ein paar Meter voneinander entfernt. Mit dem Bräustüberl begeben wir uns an einen Ort, der in der Region seinesgleichen sucht. Die Ausstellung, die sich dem Bräuseum anschließt, ist vom Haus der Bayerischen Geschichte von Regensburg nach Aldersbach gewandert. Das schauen wir uns einmal genauer an und laden damit zu einem schönen Ausflug ein.
Man braucht nicht meinen, dass an einem Donnerstagmittag nichts los ist im Aldersbacher Bräustüberl. Nichts los ist nur dann, wenn es nicht offen hat. Wer noch nie da war und hinein will, schlüpft durch ein ganzes Bierfassl, lupft den schweren Vorhang und schaut erst mal: Stüberl – das ist auf die bescheidene niederbayerische Art ein wenig untertrieben. Hier ist Platz – und den hat die Männerrunde gleich vornweg bereits eingenommen. Ein jeder hat seinen steinernen Krug vor sich, ausgeschenkt wird hier in Maßen. Nach und nach kommen mehr Leute herein, da ein Ausflugspärchen, dort eine Gruppe, die ganz nach externer Besprechung ausschaut. Das schwere Holzinventar atmet geduldige Ruhe, während hinter der Theke Betriebsamkeit herrscht.
Maria Kammermeier lacht. Freilich, so schaut es unter der Woche aus, jeden Tag von 12 Uhr bis in die späten Abendstunden. Aber am letzten Sonntag im Monat, da geht es nochmal ganz anders zu. Dann sorgt der musikalische Frühschoppen für ein anderes Wetter. Dann wird das Bräustüberl zum Festzelt, wenn auf den Bänken getanzt wird und die Schaumkronen in den Krügen schwappen. „Wir haben schon 400 Leute da gehabt“, erzählt Maria Kammermeier, die Aldersbacher Marketingchefin. „Viele junge Gäste kommen in Tracht. Kleine Musikgruppen aus der Region ziehen von Raum zu Raum und spielen auf. Da ist eine Stimmung – das muss man einfach erlebt haben.“
Lautes Lachen in der Männerrunde nebenan. Jeden Tag sind die verschiedensten Stammtische da. Eigene Krüge in den Regalen im Schankbereich bezeugen dies. Ausgeschenkt wird übrigens aus dem Faß. Wer einen Durst hat, holt sich seine Maß selbst, wer lieber auf dem Trockenen sitzt, dem wird nichts aufgezwungen. Auf den Tischen liegen Speiskarten mit Brotzeiten und kleineren Gerichten. Wer aber daheim seinen Obatztn angerührt hat oder seine Schweinshaxn resch gebraten hat, darf sie auch mitbringen. Das gibt es tatsächlich kaum mehr in der Region. Und wer ein Instrument spielt und das gern im Bräustüberl tun will, ist herzlich willkommen. „Wir sind ein musikantenfreundliches Wirtshaus“, sagt Maria Kammermeier und erzählt, dass diese Einladung immer wieder gern angenommen wird und sich der Spaß erst dann aufhört, wenn manche Gäste meinen, eine mordstrum Boombox zähle auch als Instrument.


„Das Bräustüberl darf man nie ändern“
„Im Bräustüberl kommt Alt und Jung zusammen, alle Schichten. Hier sind alle gleich“, sagt Maria Kammermeier und nimmt einen Schluck aus ihrem Krug. Hier werden Familienfeste gefeiert, Firmen-Weihnachtsfeiern, hier kommen Radlausflügler, Kurgäste, Einheimische. „Das Bräustüberl muss so bleiben, wie es ist. Das darf man nie ändern.“ Das Stüberl ist seit den 1950er Jahren lebendig – man hätte ihm auch gut und gern hundert oder gar zweihundert Jahre mehr zugetraut. Vom Hauptraum aus gehen noch mehrere kleinere Stüberl ab. Somit sind auch geschlossene Gesellschaften möglich. In der warmen Jahreszeit lockt der Biergarten im Innenhof der alten Klosteranlage, wo alles beisammen ist. Da wäre die markante und frisch sanierte Asamkirche, das feine Asam-Restaurant, die Brauerei und nicht zuletzt das Museum. Da wollen wir jetzt hin.
Schließlich hat sich zur Dauerausstellung im so genannten Bräuseum, wo die Geschichte des Biers erzählt wird, eine weitere Ausstellung gesellt. Zunächst war sie in Regensburg im Haus der Bayerischen Geschichte anzuschauen, jetzt also in Aldersbach. „Wirtshaussterben? Wirtshausleben!“ lautet der Titel. Nachdem wir jetzt anhand des Bräustüberls eindrücklich erfahren haben, was Wirtshausleben bedeutet, wollen wir uns nun mit der Thematik auf theoretische Art befassen.
Am Beginn der Ausstellung wird der Besucher von einer Installation von Friedrich Pürstinger empfangen: In einer wilden Anordnung hängen Gegenstände der Wirtshauskultur und bilden ein großes Ganzes, werden dazu farbenfroh beleuchtet. Erzählt wird zunächst von der Entstehung der Wirtshäuser, wie wir sie heute kennen und die gar nicht so lange her ist, wie man meinen möchte. Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine Wirtshauskultur, die sich tatsächlich über den ganzen Erdenball ausbreitete, die es heute so gar nicht mehr gibt. Doch wobei – da sind wir bei der Frage, ja, bei der Wirklichkeit: Kultur entwickelt sich ständig weiter. War einst der Bierausschank vordergründig, kamen im Laufe der Jahrzehnte andere wichtige Aspekte hinzu, auf die in der Ausstellung eingegangen wird. „Wirtshausleut“ spielen dabei eine Rolle, „Fressn und Saufa“ sind weitere elementare Themen. Dazu gesellen sich auch Musik, Kartln, Kegeln, Theater, Tanz und Politisieren. Welch bedeutende Rolle das Wirtshaus als Ort von Geselligkeit, ja, von Gesellschaftsbildung und -erhaltung bekommt, das wird damit nur zu deutlich.




Von Promillegrenzen bis Corona
Mit einer so reichen und vielfältigen Kultur – wie konnte das passieren, dieses Wirtshaussterben, das zweifelsohne allenorts zu beobachten ist? Nun, begonnen hat es mit den Promillegrenzen. Trat man(n) früher noch munter ohne Gurt und dafür mit mehreren Halben bestenfalls auf Wildsaustrecken den Heimweg an, wurde dem schrittweise Einhalt geboten. Biertrinken in Wirtshäusern wurde zur Nebensache. Und von einer Halben an einem Abend pro Person wurden die Wirte auch nicht froh, vor allem dann nicht, wenn die Gäste schon daheim ihr Abendessen zu sich genommen hatten. Das war die eine Sache – auf eine andere Sache wird am Ende der Ausstellung eingegangen: Die Corona-Zeit, über die man gar nicht mehr so gerne reden mag – aber noch reden sollte, ja, muss. Zu viele Auswirkungen hatte sie, die auch noch heute unser aller Leben beeinflussen. Eine davon ist der Wandel in der Gastronomie und somit der Wirtshäuser. Schwächelte so manches Wirtshaus v.C. vor sich hin, gab ihm diese Zeit oft den endgültigen Rest. Nicht jedes Wirtshaus konnte diese Zeiten mit „To Go“ überbrücken, nicht jedes Wirtshaus fand danach wieder Küchen- und Servicepersonal. Was heißt das nun für unsere Gesellschaft, die immer ärmer an Wirtshäusern wird? Wenn immer mehr gesellschafts- und gemeinschaftsbildene Orte wegfallen, sich die Menschen ins Private zurückziehen, im „real life“ und virtuell in ihren Blasen bleiben?
Ein wenig nachdenklich steigen wir die Treppenstufen des immensen Gebäudes hinab, schlendern noch ein wenig durch den angeschlossenen Klosterladen, bevor wir das Herz von Aldersbach verlassen und ins Auto steigen, ganz ohne Promille, dafür mit dem festen Vorsatz, bald wieder ins Bräustüberl zu kommen und so einen Frühschoppensonntag mitzuerleben, um unseren Beitrag zur gelebten Wirtshauskultur zu leisten. Mit einer Maß, einer Brotzeit und Musik. Gar nicht nostalgisch, sondern ganz und gar gegenwärtig.

Aldersbacher Bräustüberl

Das Mühlbach

Das Stemp

Aldersbacher Bräustüberl

Das Mühlbach
